KONSERVIERUNG & RESTAURIERUNG VON OBJEKTEN AUS STEIN

Restaurierung von 22 Grabsteine aus dem jüdischen Friedhof Seegasse

Im Rahmen der Restaurierungskampagne wurden insgesamt 22 Grabsteine aus dem jüdischen Friedhof im 9. Wiener Gemeindebezirk restauriert.

Bestand

An dem Großteil der Grabsteine finden sich Sekundärmaterialien aus unterschiedlichen früheren Restaurierungsmaßnahmen. Hierbei handelt es sich meist um Steinersatzmaterialien, welche verwendet wurden um Schichtungsrisse zu schließen oder Fehlstellen zu ergänzen. An einigen Grabsteinen wurden, vermutlich während der letzten Restaurierungskampagne 1982-198, unter der Verwendung von Kunstharz, Bruchstücke verklebt. Die Verklebungen wurden meist unsachgemäß durchgeführt, was zum einen zu wenig kraftschlüssigen Verbindungen führte und zum anderen zu einer großflächigen Verschmutzung der bearbeiteten Oberfläche mit dem Klebstoff.
Sämtliche an den Grabsteinen vorhandenen Sekundärmaterialien sind über die Jahre ästhetisch unbefriedigend verwittert. Außerdem wurden Rissschließungen und Ergänzungen meist großflächiger als nötig ausgeführt. Eine Abnahme sämtlicher Sekundärmaterialien wird also durchgeführt.
An einigen Grabsteinen kommen alte Eisenarmierungen und Eisenklammern vor, die meist zur Sicherung von Schichtungsrissen verwendet wurden. Diese Eisenteile wurden durch Verbleiungen an der Gesteinssubstanz verankert und sind zum Großteil stark korrodiert

Restaurierkonzept

Um den Alterswert der Grabsteine zu erhalten und die beweget Geschichte des Friedhofs sichtbar zu machen muss die Restaurierung bestimmte Anforderungen erfüllen. In Zusammenarbeit mit dem BDA wurde folgendes Restaurierkonzept erarbeitet: Bei der Restaurierung der Grabsteine wird das Hauptaugenmerk auf die Wiederherstellung eines intakten Gesamterscheinungsbildes gelegt. Dabei kommen geschlossenen Umrisslinien und einer korrekten und technisch einwandfreien Aufstellung die größte Bedeutung zu. Ausbrüche und Fehlstellen werden konservatorisch geschlossen. Hierbei wird darauf geachtet, dass die Ergänzungen die Formschließung unterstützen.
Auf ein Nachziehen der Inschriften wird in den meisten Fällen verzichtet. Ausnahmen können besonders bedeutende Grabsteine darstellen, an denen fehlende Inschriften wiederhergestellt werden können. Auf formale Ergänzungen wird vollständig verzichtet. Natursteinvierungen oder Kunststeinergänzungen werden nur an jenen Fehlstellen durchgeführt, bei welchen es aus statischen Gründen unbedingt notwendig ist.
Die Grabsteine werden vorsichtig gereinigt und Krusten werden gedünnt, sodass eine Homogenisierung der Gesteinsoberflächen erfolgt. Die Patina der Natursteinoberfläche soll nach Möglichkeit erhalten bleiben.

Maßnahmen

Alle Steine wurden mit Bürsten und Heißdampfstrahlgerät gereinigt, wobei stark auf den Zustand der Oberflächen geachtet wurde. Bei fragilen Oberflächen wurde mit sehr schwachem Dampfdruck und vorsichtig mit weichen Bürsten gearbeitet. Jene Steine, an denen eine biogene Belastung in Form von Algen oder im seltensten Fall auch Flechten und Moose vorkam, wurden mit einem Biozid geflutet. Nach einer kurzen Einwirkzeit wurde das Biozid gründlich abgewaschen. Dieser Vorgang wurde je nach Bedarf wiederholt.
Vorhandene Bruchstücke wurden passgenau verklebt und die Klebungen wurden gegebenenfalls mit Glasfaserstiften oder vereinzelt auch Nirostastangen armiert. Vereinzelt waren Risse so stark ausgeprägt, dass verstärkte Bruchgefahr entlang der Risse gegeben war. Solche, statisch gefährlichen Risse wurden mit Epoxidharz verklebt.
In Bereichen mit stark verwitterter Oberfläche, Schollenbildung und entlang von scharfkantigen Bruchkanten wurde die Oberfläche durch Anböschungen geschlossen. Es wurde sehr stark darauf geachtete, dass ein größtmöglicher Teil der Natursteinoberfläche erhalten bleibt und nicht großflächig mit Mörtel überzogen wird. Anböschungen wurden nur an den Steinen aus rotem Kalkstein nötig. Entsprechend dem Maßnahmenkonzept wurden grundsätzlich nur jene Bereiche ergänzt, die entweder für eine einwandfreie Statik oder für eine korrekte Versetzung der Grabsteine nötig waren. Nur vereinzelt wurden Fehlstellen über dies hinaus ergänzt, wenn sie ein geschlossenes Gesamterscheinungsbild massiv gestört haben. Diese Ergänzungen wurden meist mit Steinersatzmaterial ausgeführt. Ergänzungen und Vierungen ab einer Größe über 200 cm2 wurden Kunststeinvierungen im Gußverfahren (Betonguß), passgenau hergestellt.
An den beiden Grabsteinen aus Marmor wurden keine Ergänzungen ausgeführt.
(Auszug aus der Dokumentation der Restaurierungsmaßnahmen)

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